Archiv für den Monat Januar 2016

psychomania (don sharp, GB 1973)

PsychomaniaAnfang der 1970er Jahre lag der klassische britische Gothic-Horror der Hammer Films in seinen letzten Zügen. Die historisch angehauchten, gediegen inszenierten Gruselfilme um Dracula, Frankenstein und andere ikonische Filmmonster verloren den Anschluss an die Gegenwart und ans junge Publikum – mit gut gemeinten, aber verkrampften Modernisierungsversuchen wie Alan Gibsons Dracula A.D. 1972 / Dracula jagt Mini-Mädchen (1972) scheiterte Hammer kläglich und selbst Dracula-Mime Christopher Lee distanzierte sich zusehends von den unausgegorenen, oft eher lachhaften filmischen Verjüngungskuren, denen sich Hammer unterzog. Kurzum: die 70er benötigten ein neues, frisches Horrorkino, das die Zeichen der Zeit, die Gegenkultur der späten 60er und die gesellschaftlichen Umbrüche einer komplizierten Gegenwart zu spiegeln vermochte – einer Gegenwart, in der das Kinopublikum nicht mehr von transsilvanischen Spukschlössern, sondern von Kriegen, Satanismus (Rosemary´s Baby, 1967) und gesellschaftlicher Spaltung (Night of the Living Dead, 1968) beunruhigt wurde.

Als zentraler Vertreter der Erneuerung im britischen Horrorfilm der 1970er Jahre gilt Robin Hardys Sektenthriller The Wicker Man (1973) – ein verstörendes Regiedebüt, welches Hippie-Kultur, freie Liebe und Neuheidentum zu einer paranoiden Albtraumvision steigert. Doch auch etablierte Regisseure, die zuvor klassische Stoffe für Hammer inszenierten, betätigten sich nun – außerhalb des Hammer-Dunstkreises – an unkonventionellen und ambitionierten Projekten. Genre-Routinier Freddie Francis drehte den satirisch-subversiven Kinderspiel-Horror Mumsy, Nanny, Sonny and Girly (1970), Robert Fuest, zuvor TV-Regisseur bei den Avengers, legte mit seiner beunruhigenden Provinzgeschichte And Soon the Darkness (1970) einen frühen Vertreter des Backwood-Horrorfilms vor und Peter Sasdy inszenierte für das britische Fernsehen die ungewöhnliche Geistergeschichte The Stone Tape (1972). In den folgenden Jahren befruchteten immer mehr Filmemacher das englische Horrorkino mit frischen Ideen: der Amerikaner Gary Sherman drehte in England Death Line (1972), der Londons vergessene U-Bahn-Tunnel mit degenerierten, mitleiderregenden Kannibalen bevölkert und Pete Walker führte mit dem blutigen Frightmare (1974) die stilistischen Gepflogenheiten des Splatterfilms in den Brit-Horror ein.

Zur Gruppe der alten Garde zuverlässiger (Hammer-)Handwerker, die Anfang der 70er neues Terrain erkundeten, zählt auch Don Sharp, der mit dem schrägen Psychomania 1973 einen ganz eigensinnigen Beitrag zum neuen britischen Horror leistete. Sharps Film handelt von einer Bikergang, dessen Anführer Tom (Nicky Henson) durch ein altes, okkultes Familiengeheimnis in der Lage ist, nach dem Selbstmord als Untoter ins Leben zurückzukehren. Nach seiner Wiederkehr wendet er das Ritual auf die restlichen Mitglieder seiner Gang an und treibt sie in den Selbstmord. Einzig die zweifelnde Abby (Mary Larkin) lässt sich nicht auf Toms Pläne ein und stellt sich ihrer Gang in den Weg.

Der Biker als Symbol der Gegenkultur ist im Kino der 1960er und 1970er Jahre ein regelmäßig anzutreffendes Motiv, entwickelt sich gar zum eigenen Subgenre – Dennis Hoppers New-Hollywood-Roadmovie Easy Rider (1969) ist eines der prominentesten Beispiele für den Rockerfilm, aber auch der Horror- und Exploitationfilm verleibte sich das Motiv ein und koppelte die Figur des Bikers an Monstertruthähne (Blood Freak (Brad F. Ginter / Steve Hawkes, 1972)) oder Werwölfe (Werewolves on Wheels (Michel Levesque, 1971)). Auch Sharps Psychomania erfüllt letztlich die Kriterien eines solchen B-Movies (hölzern agierende Darsteller, haarsträubende Dialogzeilen), doch geht der Film in der Verarbeitung der Thematik immerhin deutlich subtiler vor als seine Vorgänger: die untoten Biker kommen überraschenderweise gänzlich ohne fauliges Zombie-Make-Up aus, ebenso legt der Film Wert auf eine atmosphärische und geschmackvolle Bildgestaltung von Bond-Kameramann Ted Moore, der nebelverhangene Felder und Waldstücke ganz im Stil der altmodischen Hammer-Gothics inszeniert. Sharp und Moore gelingen im Verlauf noch weitere erinnerungswürdige Bilder, etwa wenn Anführer Tom auf seinem Motorrad sitzend bestattet wird (begleitet vom sanften Hippie-Gesang und Gitarrenspiel der Gangmitglieder!) und kurze Zeit später mit lautem Motorgeheul aus dem Grab brettert.

Auf der inhaltlichen Ebene ist es schließlich das Motiv des kollektiven Selbstmords, das sich vom unzeitgemäßen britischen Hammer-Horror der 60er Jahre absetzt. Die Zeichnung der Bikergang als Sekten-ähnliche Vereinigung, die ihre Mitglieder aus okkulten Gründen zur Gewalt motiviert, schließt unmittelbar an die vom Manson-Terror geprägte Realität der ausgehenden 1960er Jahre an. Interessant ist auch das Verhältnis zur älteren Generation: Toms Familie und insbesondere die okkulten Handlungen vom Toms Mutter sind letztendlich die Auslöser der unheilvollen Ereignisse und die Inszenierung des Elternhauses als überheblicher, selbstgefälliger Snob, der das gefährliche Familienerbe bereitwillig an die junge Generation weitergibt, lässt schließlich keinen Zweifel mehr an der gesellschafts- und traditionskritischen Intention des Regisseurs.

Sharps Psychomania wurde trotz zeitgenössischer Thematik und frischer Ideen nicht zum Hit und dürfte heute im Bekanntheitsgrad sogar noch hinter Hammers größten Flops rangieren. Von einem guten und mitreißenden Film zu reden, wäre letztendlich auch übertrieben, dennoch ist Psychomania ein aufschlussreiches Zeitdokument und als Teil der wohl interessantesten Phase des britischen Horrorkinos auf jeden Fall eine Sichtung wert. Umso erfreulicher, dass sich das kleine DVD-Label Colosseo 2013 des Films angenommen und ihm eine solide, preisgünstige Veröffentlichung spendiert hat.

 

Fassungs-Info:

– deutsche DVD-Veröffentlichung von Colosseo/Al!ve (2013)
– Hartbox-Repack der Colosseo-DVD in drei Covervarianten (2013, Xylophon)

Advertisements

the traveling executioner (jack smight, USA 1970)

the-traveling-executioner-movie-poster-1970-10202050551918 im amerikanischen Süden: der freiberufliche Henker Jonas Candide (Stacy Keach) reist mit seinem selbstgebauten elektrischen Stuhl von Gefängnis zu Gefängnis und schickt jeden Todeskandidaten mit unternehmerischem Ehrgeiz in die ewigen Jagdgründe. Dennoch pflegt Candide ein strenges Berufsethos: liebevoll kümmert er sich um seine Kunden und gestaltet ihren Tod mit Einfühlungsvermögen und beruhigenden Worten so angenehm wie möglich. Als er mit der deutschen Mörderin Gundred Herzallerliebst (Marianna Hill) seine erste Frau hinrichten soll, gerät sein routinierter Arbeitsalltag aus den Fugen. Candide startet einen waghalsigen Befreiungsversuch…

Jack Smights The Traveling Executioner ist ein Film, wie er eigentlich nur in der recht kurzen Phase der ausgehenden 60er und beginnenden 70er Jahre entstehen konnte. Im Sommer 1967 war die Todesstrafe in den USA durch ein Vollstreckungsmoratorium flächendeckend außer Kraft gesetzt worden (erst 1976 wurde sie wieder eingeführt) und vielen liberalen Amerikanern schien es, als ob das repressive Strafrechtssystem der Vereinigten Staaten – und insbesondere die grausame Praxis der electrocution – endgültig überwunden wäre. Aus dieser neuen, distanzierten Perspektive erklärt sich wohl die sorglose Morbidität des Films, die bereits im ersten Drittel, als Candide seinen Lastwagen zum bunten Jahrmarkts-Vehikel umrüstet, einen grotesken Höhepunkt erreicht. Potenziert wird die irritierende Wirkung der schwarzhumorigen Inszenierung durch Jerry Goldsmiths vergnügte Filmmusik, die Elemente des Dixieland- und New-Orleans-Jazz verarbeitet und damit den während des Films immer wieder betonten Show-Charakter der Hinrichtungen unterstreicht (man beachte diesbezüglich auch die Gestaltung des elektrischen Stuhls, der mit seiner schaubudenhaften Glühbirnenbeleuchtung weniger an ein Mordinstrument als eher an eine skurrile Jahrmarktsattraktion erinnert). Verstörend sind nicht zuletzt auch die sexuellen Implikationen, mit denen Smight einige Dialoge über den Tod auf dem elektrischen Stuhl garniert – ohne dabei auch nur in einem Moment den unbekümmert-naiven Tonfall des Films ins Nachdenkliche kippen zu lassen.

So frei Smights Inszenierung von moralischen Überlegungen hinsichtlich seines brisanten Themas ist, so wenig menschliches Identifikationspotenzial bieten auch die Figuren: Candide ist ein überheblicher, selbstverliebter, das System der Todesstrafe nie hinterfragender Schnösel, dessen fürsorgliches Auftreten gegenüber seinen Todeskandidaten nicht nur ambivalent, sondern regelrecht absurd anmutet, und selbst Gundred Herzallerliebst, eigentlich in der Opferrolle, zeichnet sich durch bemerkenswerte menschliche Kälte aus, indem sie Candides sexuelles Begehren skrupellos für ihre Zwecke ausnutzt. Der Verzicht auf echte Sympathieträger macht The Traveling Executioner schwer greifbar und unterscheidet ihn dann auch von ähnlich gelagerten, ungefähr im gleichen Zeitraum entstandenen schwarzen Komödien wie Hal Ashbys Harold and Maude (1971) – an den ich mich nicht nur wegen des Auftritts von Harold-Darsteller Bud Court einige Male erinnert fühlte.

In Jack Smights abwechslungsreicher Filmographie, die von Detektivkomödie (Harper, 1966) über Science-Fiction (Damnation Alley, 1977) bishin zum Kriegsfilm (Midway, 1976) reicht, stellt The Traveling Executioner sicher einen der sonderbarsten Einträge dar. Der bis heute wenig bekannte Film, der durchaus im Kontext des Ende der 60er Jahre erblühenden New Hollywood rezipiert werden kann, ist ein herrliches Beispiel für das Kino einer Zeit, in der große amerikanische Studios (hier: MGM) auch noch abwegigste Filmentwürfe unters Publikum streuten. The Traveling Executioner ist ein bemerkenswerter kleiner Streifen – und gemeinsam mit der poetisch-fiebrigen Ray-Bradbury-Verfilmung The Illustrated Man (1969, ebenfalls mit hervorragender Musik Jerry Goldsmiths) mein Favorit im Schaffen Smights.

 

Fassungs-Info:

– deutsche VHS-Veröffentlichung von MGM/UA Home Video (1984)
– amerikanische DVD-On-Demand-Veröffentlichung von Warner Archive (2011)

Birth of a Blog

Willkommen, werte Leser, in meinem Filmblog. Es erwarten euch Texte zu abseitigen, vergessenen, frag- und diskussionswürdigen Filmen des Genre-, Grindhouse- und Avantgarde-Kinos (vornehmlich der 1960er, ’70er und ’80er Jahre); zu Filmen, die sich den gängigen filmischen Konventionen entziehen, Grenzen überschreiten, entrüsten, verstimmen oder irritieren. Wundersame Filme abseits kanonischer Schlaglichter – odd and excluded.