the traveling executioner (jack smight, USA 1970)

the-traveling-executioner-movie-poster-1970-10202050551918 im amerikanischen Süden: der freiberufliche Henker Jonas Candide (Stacy Keach) reist mit seinem selbstgebauten elektrischen Stuhl von Gefängnis zu Gefängnis und schickt jeden Todeskandidaten mit unternehmerischem Ehrgeiz in die ewigen Jagdgründe. Dennoch pflegt Candide ein strenges Berufsethos: liebevoll kümmert er sich um seine Kunden und gestaltet ihren Tod mit Einfühlungsvermögen und beruhigenden Worten so angenehm wie möglich. Als er mit der deutschen Mörderin Gundred Herzallerliebst (Marianna Hill) seine erste Frau hinrichten soll, gerät sein routinierter Arbeitsalltag aus den Fugen. Candide startet einen waghalsigen Befreiungsversuch…

Jack Smights The Traveling Executioner ist ein Film, wie er eigentlich nur in der recht kurzen Phase der ausgehenden 60er und beginnenden 70er Jahre entstehen konnte. Im Sommer 1967 war die Todesstrafe in den USA durch ein Vollstreckungsmoratorium flächendeckend außer Kraft gesetzt worden (erst 1976 wurde sie wieder eingeführt) und vielen liberalen Amerikanern schien es, als ob das repressive Strafrechtssystem der Vereinigten Staaten – und insbesondere die grausame Praxis der electrocution – endgültig überwunden wäre. Aus dieser neuen, distanzierten Perspektive erklärt sich wohl die sorglose Morbidität des Films, die bereits im ersten Drittel, als Candide seinen Lastwagen zum bunten Jahrmarkts-Vehikel umrüstet, einen grotesken Höhepunkt erreicht. Potenziert wird die irritierende Wirkung der schwarzhumorigen Inszenierung durch Jerry Goldsmiths vergnügte Filmmusik, die Elemente des Dixieland- und New-Orleans-Jazz verarbeitet und damit den während des Films immer wieder betonten Show-Charakter der Hinrichtungen unterstreicht (man beachte diesbezüglich auch die Gestaltung des elektrischen Stuhls, der mit seiner schaubudenhaften Glühbirnenbeleuchtung weniger an ein Mordinstrument als eher an eine skurrile Jahrmarktsattraktion erinnert). Verstörend sind nicht zuletzt auch die sexuellen Implikationen, mit denen Smight einige Dialoge über den Tod auf dem elektrischen Stuhl garniert – ohne dabei auch nur in einem Moment den unbekümmert-naiven Tonfall des Films ins Nachdenkliche kippen zu lassen.

So frei Smights Inszenierung von moralischen Überlegungen hinsichtlich seines brisanten Themas ist, so wenig menschliches Identifikationspotenzial bieten auch die Figuren: Candide ist ein überheblicher, selbstverliebter, das System der Todesstrafe nie hinterfragender Schnösel, dessen fürsorgliches Auftreten gegenüber seinen Todeskandidaten nicht nur ambivalent, sondern regelrecht absurd anmutet, und selbst Gundred Herzallerliebst, eigentlich in der Opferrolle, zeichnet sich durch bemerkenswerte menschliche Kälte aus, indem sie Candides sexuelles Begehren skrupellos für ihre Zwecke ausnutzt. Der Verzicht auf echte Sympathieträger macht The Traveling Executioner schwer greifbar und unterscheidet ihn dann auch von ähnlich gelagerten, ungefähr im gleichen Zeitraum entstandenen schwarzen Komödien wie Hal Ashbys Harold and Maude (1971) – an den ich mich nicht nur wegen des Auftritts von Harold-Darsteller Bud Court einige Male erinnert fühlte.

In Jack Smights abwechslungsreicher Filmographie, die von Detektivkomödie (Harper, 1966) über Science-Fiction (Damnation Alley, 1977) bishin zum Kriegsfilm (Midway, 1976) reicht, stellt The Traveling Executioner sicher einen der sonderbarsten Einträge dar. Der bis heute wenig bekannte Film, der durchaus im Kontext des Ende der 60er Jahre erblühenden New Hollywood rezipiert werden kann, ist ein herrliches Beispiel für das Kino einer Zeit, in der große amerikanische Studios (hier: MGM) auch noch abwegigste Filmentwürfe unters Publikum streuten. The Traveling Executioner ist ein bemerkenswerter kleiner Streifen – und gemeinsam mit der poetisch-fiebrigen Ray-Bradbury-Verfilmung The Illustrated Man (1969, ebenfalls mit hervorragender Musik Jerry Goldsmiths) mein Favorit im Schaffen Smights.

 

Fassungs-Info:

– deutsche VHS-Veröffentlichung von MGM/UA Home Video (1984)
– amerikanische DVD-On-Demand-Veröffentlichung von Warner Archive (2011)

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Veröffentlicht am 12. Januar 2016 in Allgemein und mit , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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