die teuflischen von mykonos (nico mastorakis, GR 1975)

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Anlässlich der wunderbaren Bluray-Veröffentlichung* von Nico Mastorakis‘ griechischem Exploitation-Klassiker Ta paidia tou diavolou (aka Die Teuflischen von Mykonos) durch OFDb-Filmworks möchte ich zu einem kurzen Loblied auf diesen fulminanten Vertreter filmischer Zügellosigkeit ansetzen.

Zunächst einige Worte zur Handlung: der kurz nach dem Zusammenbruch der griechischen Militärdiktatur 1974 entstandene Film begleitet die beiden Protagonisten Christopher und Jane, ein junges Geschwisterpaar aus England, bei ihrem Urlaub auf der griechischen Insel Mykonos. Christopher, ein vorgeblich religiös motivierter Fundamentalist, hat es sich dabei zum Ziel gesetzt, die Insel von Perversion und Devianz zu befreien und so mordet er sich unter Zuhilfenahme von Säbeln, Sicheln und diversen motorisierten Vehikeln (Flugzeug, Planierraupe) durch die Freigeister der Insel: Künstler, Homosexuelle, Unangepasste. Seine Schwester Jane, mit der er eine inzestuöse Beziehung führt, mischt munter mit, doch am Ende kommen Zweifel in ihr auf. Ein primitiver Schafhirte, bei dem die beiden auf ihrer Flucht vor der Polizei unterkommen, verbündet sich mit Jane, vergewaltigt Christopher und lässt ihn in einer Kalkgrube verenden.

Bekannt sind die Äußerungen des Regisseurs, er habe mit Die Teuflischen von Mykonos einfach nur ein einträgliches Geschäft machen wollen – ein kassenträchtiger Exploitation-Reißer als Finanzierungshilfe für kommende Projekte, inspiriert vom Erfolg amerikanischer Vorbilder wie The Last House on the Left (Wes Craven, 1972) oder The Texas Chainsaw Massacre (Tobe Hooper, 1974). Vielen Kritikern und Filmwissenschaftlern reichte diese Erklärung nicht aus, und so wird Mastorakis‘ Film bis heute vor allem auch als Allegorie auf die faschistischen Säuberungen während der griechischen Junta gelesen. Eine auf den ersten Blick naheliegende Interpretation, vor allem wenn man sich die faschistische Motivation des Protagonisten, alles Unkonventionelle und damit „Perverse“ auszurotten, vor Augen führt.

Dennoch möchte ich mich dieser Lesart nicht anschließen. Auf mich machte Die Teuflischen von Mykonos nur selten den Eindruck einer kritischen Gewaltstudie, sondern versprühte vor allem eines: Ausgelassenheit. Die überschwängliche Lust am Tabubruch, aber auch das sonnige Urlaubssetting oder der Einsatz schwerer, ungewöhnlicher Maschinen zeugen von purer, ungehemmter Freude an einem „Kino der Attraktionen“ – und erinnerten mich oft an eine kostengünstige Variante der exotisch-spektakulären Setpieces aus den James-Bond- oder Indiana-Jones-Filmen. In einer der erinnerungswürdigsten Szenen des Films knöpfen die beiden Protagonisten einen Polizeibeamten am Flügel eines Kleinflugzeugs auf und werfen ihn im Flug über der Insel ab. Mit kindlicher Freude entledigen sich Christopher und Jane hier der Autorität, werfen den moralischen und zivilisatorischen Zwang über Bord – alles scheint erlaubt, anything goes: die Urlaubssituation der Hauptfiguren wird letztlich zum „Urlaub“ der Filmemacher, zur Auszeit von der herrschenden Ordnung. Der zur Schau gestellte Amoralismus ist dann auch nur die radikalste Form wiedergewonnener filmischer Freiheit – ein künstlerisches Pamphlet sozusagen, und ein Befreiungsschlag für das griechische Kino nach der Diktatur; einer Diktatur, die sich in ihren Grundfesten, wie so oft, auf konservative, ganz und gar anti-anarchistische Moralvorstellungen bezog. Letztendlich glaube ich nicht, dass Mastorakis seinen Figuren mit irgendwelcher Abscheu begegnet: im artifiziellen Kosmos des Films sorgen sie nämlich für größte Spielfreude, für radikalen Frohsinn abseits strenger Staatsdoktrin – und werden folgerichtig von der Inselpolizei als gesellschaftlich destabilisierende Elemente gejagt.

Am Ende scheint Mastorakis‘ Film dann noch einmal umzuschwenken: Jane zweifelt und gibt sich dem Unschuld symbolisierenden Schafhirten hin. Doch auch der hat mit Moral letztlich wenig am Hut und räumt kurzerhand seinen sexuellen Konkurrenten aus dem Weg. Alles beim Alten also – der anarchistische Spieltrieb, das Primat der Boshaftigkeit hat erneut gesiegt. Aber bei den Teuflischen von Mykonos geht das in Ordnung: es ist ja schließlich Urlaub.

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*Das in zwei Cover-Varianten angebotene Mediabook von OFDb Filmworks macht einiges her und ist bis an den Rand gefüllt mit interessantem Bonusmaterial. Hier gilt es in jedem Fall zuzugreifen und sich zu Christopher und Jane an die sonnigen Küsten von Mykonos zu gesellen – prächtiger erstrahlt das mediterrane Massaker wohl nur im originalen 35mm.

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Veröffentlicht am 20. Februar 2016 in Allgemein und mit , , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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