Archiv für den Monat Mai 2016

was soll’n wir denn machen ohne den tod (elfi mikesch, BRD 1980)

13EF4F68813A4054B328A283EDF045F4_14763Möchte man die Dokumentarfilm-Arbeiten Elfi Mikeschs auf einen gemeinsamen Nenner bringen, so stößt man schnell auf ein prägnantes Charakteristikum, das sowohl frühe Arbeiten wie Ich denke oft an Hawaii als auch die Filme der späten 90er Jahre (Die Markus Family) prägt: die Freude an der spielerischen Umformung des Dokumentarischen, die Einbeziehung des Artifiziellen, des Poetischen und mitunter auch Plakativen – Inszenierungen von Wirklichkeit, die durch ihren ausstellenden Charakter umso wahrhaftiger werden und nicht selten die stilistischen Grenzen zum Spielfilm überschreiten.

Auf sehr ähnliche Weise wie der Rossol-Familie in Hawaii nähert sich Elfi Mikesch in Was soll’n wir denn machen ohne den Tod den Bewohnern einer Hamburger Seniorenresidenz und zeichnet ein Bild poetischer Innenwelten. Im Gegensatz jedoch zu den kontemporär geprägten, von Werbung und medialer Verheißung geprägten Seelenlandschaften von Carmen, Tito und Ruth ist die Geisteswelt der Alten eine Welt des Distinguierten, eine Welt stolzer, feudaler Kultiviertheit und elegischer Verklärung. Das Seniorenheim wird zum entrückten, entzeitlichten Raum der Erinnerungen, fernab der Lebensrealität des Jahres 1980. Auch wenn mit einem jungen Pflegerpaar die Perspektive der jüngeren Generation nicht vernachlässigt wird – die Alten scheinen trotz allem von ihrer Umwelt abgeschlossen, ununterbrochen umgeben vom sepiagetönten Schleier der Vergangenheit. Kunstvoll gestaltet Mikesch die Isolation in Erinnerungswelten vor allem im Akustischen: in der ersten Einstellung des Films sehen wir ein halb geöffnetes Fenster in den frühen Morgenstunden, der Vorgang weht zart im kühlen Luftzug der Dämmerung und auf der Tonebene greifen die kammermusikalischen Klänge eines impressionistischen Konzertstücks ineinander. Schon in diesem ersten Moment des Films offenbart sich in unbeschreiblicher, kaum in Worten vermittelbarer Poesie das Eingeschlossen-Sein im Alt-Sein, die gekappten Verbindungen zum Leben und zum Jetzt. Die frische Morgenluft, die Außenwelt, scheint zwar in die Zimmer des Seniorenheims vorzudringen, doch bleibt der Hauch aus der Außenwelt für die Bewohner und auch für Mikeschs filmisches Auge ein opernhaftes Mysterium, romantisch aufgeladen, kündend von anderen Welten und überzeitlicher Ferne – Luft vom anderen Planeten, um beim mystisch-symbolistischen Sinnbezug zu bleiben.

Die mitunter manierierte Poesie der Erinnerungswelten überträgt Mikesch in diesen Momenten auf formidable Weise in die Sprache des Films. Statt einer bloßen, sozialkritischen Abbildung der Lebenssituation alternder Menschen in Pflegeheimen (was in etwa dem ursprünglichen Konzept entsprach), gelingt der Regisseurin ein hochgradig ästhetisiertes Bild einer Generation, die mit der Kultur der Jahrhundertwende groß geworden ist und nun, im Schleier dieser spezifischen Prägung, ihren Lebensabend verbringt. Die Intimität, mit der diese Geisteswelten erkundet werden, ist verblüffend – und das Ergebnis könnte nicht weiter entfernt sein von der distanzierten Kälte, mit der sich Ulrich Seidl dem Thema Geriatrie im semi-dokumentarischen Import/Export (2007) genähert hat.

Ebenso wie Ich denke oft an Hawaii gehört Was soll’n wir denn machen ohne den Tod zu den großen Raritäten im Schaffen Elfi Mikeschs – VHS- oder DVD-Veröffentlichungen gibt es nicht, und die Kopienlage beider Filme gestaltet sich ähnlich problematisch. Während für die Vorführung von Hawaii im Rahmen eines derzeit stattfindenden Elfi-Mikesch-Seminars an der Uni Frankfurt noch eine 16mm-Kopie aufgetrieben werden konnte, fand die Vorführung von Was soll’n wir denn machen ohne den Tod im Deutschen Filmmuseum „nur“ von einer DVD-Kopie statt. Die einzig erhaltene Vorführkopie – im Besitz des Müncher Filmmuseums – kam aus Schonungsgründen nicht zum Einsatz. Hier zeigt sich die dringende Notwendigkeit restauratorischer Maßnahmen, sei es in Form von Umkopierung oder adäquater Digitalisierung. Die Aufmerksamkeit des regionalen Publikums wurde dank der filmkulturellen Arbeit der Seminar-Veranstalter zumindest geweckt, und so bleibt zu hoffen, dass weitere Anstrengungen nicht gescheut werden und den frühen Mikesch-Arbeiten – über welche Wege auch immer – der Fortbestand in den Annalen der bundesdeutschen Filmgeschichte gewährt bleibt.

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ich denke oft an hawaii (elfi mikesch, BRD 1978)

CF2FE6A065D943DF8F7FD2494FEFB38C_00960In einer Berliner U-Bahn sitzt Carmen, ein sechzehnjähriges Mädchen mit dunklen Haaren und schmalem Kussmund, und blickt frontal in die Kamera. Im Off erzählt sie über sich, wo sie wohnt, wo sie zur Schule geht. Ihre alleinerziehende Mutter und ihr Bruder Tito wohnen am Stadtrand, in der Nähe einer großen Plattenbausiedlung. Die Wohnung der Familie ist beengt, viel zu klein für den Glastisch und den Schrank, den sich Carmen wünscht. Ihre Schulaufgaben erledigt sie kniend auf dem Boden des Wohnzimmers.

Die Mutter, Ruth, arbeitet als Putzfrau – immer wieder zeigt der Film die mit schäumendem Wasser befüllten Putzeimer und die Lappen, die in ihm ausgewrungen werden. Dazu paradiesisch anmutende, exotische Unterhaltungsmusik. Urlaubsstimmung. Auch die Tochter hilft bei den profanen Erledigungen des Alltags: im Schaum der Spüle, neben bunten 70er-Jahre-Kacheln, versenkt Carmen schmutzige Teller. Kurz darauf posiert sie, die Teller abtrocknend, in bunten, exotischen Kostümen. Sie will Tänzerin werden.

Elfi Mikeschs 1978 im Auftrag des ZDF entstandener Dokumentarfilm seziert mit feinem Sinn für Satire den Alltag einer Durchschnittsfamilie – „ein Film für jedes Wohnzimmer“, so der originelle Slogan auf dem Plakat des Films. Interessant ist hier aber auch der Sinnbezug zum Einrichtungsgegenstand, zum Dekor: Mikesch inszeniert die Träume und Bedürfnisse ihrer Protagonisten als farbenfrohe Ornamente, als Paradiesfantasien aus dem Urlaubskatalog, unterstützt von aufdringlichen Tapetenmustern und buntem Blümchen-Porzellan. Kitschige Postkarten aus Hawaii und Südamerika stehen überall auf den Schränken – die einzigen Hinterlassenschaften des aus Puerto Rico stammenden Vaters, der die Familie vor längerer Zeit verlassen hat. Die von Medien und Werbung gespeisten, teils in irritierendem Kontrast zur Alltagswelt stehenden Traumvorstellungen von Carmen, Ruth und Tito gehen einher mit bewusst artifiziellen, fast Spielfilm-haften Inszenierungsformen, in denen Carmen – einer Stummfilmikone der 20er Jahre ähnelnd – mit exotischen Schleiern um sich wirft oder Bruder Tito als eleganter Violin-Virtuose auftritt. Beseelt vom brecht’schen Verfremdungseffekt vermischt Mikesch die Tristesse des Alltags mit Bildern aus einer bunten Traumwelt – einer Welt des Trivialen, die sich in ihrer dekorativen Oberflächlichkeit als ebenso banal entpuppt wie die reale Lebenssituation der Protagonisten. Und dennoch geht der Film nicht respektlos mit seinen„Figuren“ um: Carmen, Ruth und Tito spielten ihre Träume, so die Regisseurin selbst, aus ganz eigenem Antrieb und mit voller Hingabe. Erst die Überhöhung, so scheint es, schafft ein Abbild der Realität.

Die zeitgenössischen Anfeindungen aus dem Lager der Dokumentaristen dürften nachvollziehbar sein, doch es gab auch andere Reaktionen auf den Film. Im Anschluss an die 16mm-Vorführung in der Frankfurter Kinothek Asta Nielsen Ende April schilderte Elfi Mikesch im Publikumsgespräch, wie ihr Film in den USA von der „Village Voice“ als Meisterstück der Camp-Kultur gefeiert wurde. Und tatsächlich geht Ich denke oft an Hawaii ganz in seiner ehrlichen Hingabe zum Banalen auf, lässt sich ohne Umschweife ein auf eine Welt aus Schlagern und Werbekatalogen, und trifft dabei zielsicher den Kern. So wie Carmen, die gerne die Happy Ends von Schnulzenromanen liest – für den Rest drumherum interessiert sie sich nicht so sehr.