Archiv für den Monat August 2016

wachtmeister rahn (ulli lommel, BRD 1974)

rahnMit einem Bruchteil des Budgets seines Fritz-Haarmann-Porträts Die Zärtlichkeit der Wölfe (1973) inszenierte Ulli Lommel im Jahr 1974 Wachtmeister Rahn, einen kleinen, wenig erfolgreichen Film über den Untergang eines Münchner Polizeibeamten. Ohne Drehgenehmigung filmte Lommel an verschiedenen Schauplätzen in München und Umgebung und entwirft ein dreckiges, deprimierendes Bild bundesdeutscher Großstadt-Tristesse, das gerade in seinen sichtbar beschränkten Produktionswerten und inszenatorischen Unzulänglichkeiten einen ganz eigenwilligen ästhetischen Reiz entfaltet. Während Die Zärtlichkeit der Wölfe noch bis in die Nebenrollen mit größter schauspielerischer Prominenz aus dem Fassbinder-Kreis veredelt wurde, kommt Wachtmeister Rahn – mit Ausnahme von Hauptdarsteller Hans Zander – größtenteils mit Laiendarstellern aus, und auch in der Bildgestaltung entfernte man sich mit roher, ungeschliffener Handkamera deutlich von den ästhetisierten Bildkompositionen, die Jürgen Jürges für Lommels Haarmann-Film konzipiert hatte. Wachtmeister Rahn pflegt einen harten, semi-dokumentarischen Realismus, tendiert mit seinen Schnitzern und filmischen Notlösungen aber auch manches Mal ins Schmuddelig-Exploitative – in jedem Fall ist Lommels Film faszinierendes, unangepasstes BRD-Undergroundkino und harrt bis heute seiner Wiederentdeckung.

Hans Zander spielt Ernst Rahn, Wachtmeister eines Münchner Innenstadtreviers, der auf einer seiner spätabendlichen Streifen scheinbar aus Notwehr auf zwei Kleinkriminelle schießt. Als einer der beiden Angeschossenen wider Erwarten aus dem Koma erwacht, verliert Rahn die Fassung. In einer Rückblende werden nun die Ereignisse vor der schicksalhaften Nacht aufgerollt: auf einer Zugfahrt fällt Rahn der junge Ganove Johann (Rainer Will) ins Auge – der einsame Polizist, der seine homosexuellen Neigungen vor Familie und Kollegen geheim hält, verliebt sich in Johann und lädt ihn in seine Wohnung ein. Nach dem ersten Treffen wird Rahn von Johann und seinem Gaunerkollegen Walter (Jeff Roden) zur Mitwirkung an Raubüberfällen erpresst – aus Liebe willigt Rahn ein, wird bei einem missglückten Überfall jedoch von seinen Polizeikollegen erkannt. Rahn unternimmt einen Selbstmordversuch, landet in der Psychiatrie und schmiedet nach seiner Entlassung einen mörderischen Plan: er lockt Johann und Walter in einen Hinterhalt und erschießt sie beim Aufbrechen eines Autos.

Es schmerzt, Ernst Rahn auf seinem Leidensweg zuzusehen. Mit grausamer Kälte folgt Lommel dem einsamen Außenseiter, der einen Weg in die Gesellschaft sucht, aber unbewusst geradewegs aus ihr hinaus steuert. Der Polizist, eigentlich Symbol gesellschaftlicher Integrität, wird zum schwächsten Glied der Gesellschaft, das an den sozialen und moralischen Imperativen des Lebens nicht nur scheitert, sondern sich ihnen auf kriminelle Weise widersetzt. Rahns Abgleiten ins gesellschaftlich Verfemte und Abjekte (in einer hübsch anstößigen Szene verfolgt er Johann auf eine Bahnhofstoilette und beobachtet ihn lüstern, wie er vorm Pissoir masturbiert) findet seine Entsprechung in der rohen, makelbehafteten und „unsauberen“ Underground-Ästhetik des Films, die alles Ungeschliffene und Deviante – auch bezogen auf die filmische Gestaltung – zum ästhetischen Ideal erhebt. Im zuweilen verstörenden Kontrast dazu steht der Einsatz der melodramatischen, ausschweifend romantischen Filmmusik, die vermutlich aus präexistenter Library-Musik zusammengestellt wurde: der schwelgerische Orchestersatz fügt sich nur schwer in die ranzige Tristesse von Rahns Leben ein, sorgt aber angesichts zum Teil heftiger Bild-Ton-Scheren für faszinierende Brechungen.

Auch wenn Rahn nicht nur als Opfer, sondern auch als kalt agierender Täter inszeniert wird, bleibt er doch eine tragische, mitleiderregende Figur, der letztlich so oder so der Untergang blüht – zwar überwindet er die Passivität, die auch sein Polizeikollege an den Tag legt (der bleibt lieber daheim, aus Angst vor den Terroristen der RAF), den aktivierenden Ratschlag seiner Nachbarin, „für sein Glück was zu tun“, legt er jedoch auf verhängnisvolle Weise falsch aus. Am Ende kommt es für Rahn knüppelhart, ohne dass noch viel gezeigt werden müsste: eine Delegation dümmlich anmutender Polizeifunktionäre, die mit Strohhalmen infantil aus Trinkbechern süffelt, hält Tribunal über Rahn und seine Tat, und eine eingeblendete Texttafel informiert kühl-distanziert über das weitere Schicksal des Protagonisten: eine 20-jährige Haftstrafe, ein gescheiterter Fluchtversuch und ein Mord an einem Mithäftling. Keine Erlösung für Wachtmeister Rahn.

 

Fassungs-Info:

– deutsche VHS-Veröffentlichung von Mike Hunter Video

the squeeze (michael apted, GB 1977)

squeezeMichael Apted, in den 80er und 90er Jahren verantwortlich für Kassenerfolge wie Gorillas in the Mist (1988) oder James Bond – The World Is Not Enough (1999), begann seine Karriere im britischen Fernsehen und als Dokumentarfilmer. Er inszenierte für bedeutende Formate wie ITV Playhouse und Coronation Street (das britische Vorbild für die Lindenstraße) – im Bereich des Dokumentarfilms zeichnet Apted für die viel beachtete Up-Serie verantwortlich, die im 7-Jahres-Zyklus das Leben 14 junger Briten begleitet (und damit wichtige Vorarbeit für spätere, (halb-)dokumentarische Filmexperimente wie Boyhood (2014) leistete).

Erst Ende der 70er Jahre verlagerte Apted den Schwerpunkt seiner Tätigkeit endgültig aufs Kino. Der Durchbruch zur breiteren Öffentlichkeit gelang ihm 1980 mit dem Musiker-Biopic Coal Miner‘s Daughter (ausgezeichnet mit dem Oscar für Sissy Spacek als beste Hauptdarstellerin), doch schon davor inszenierte der Brite eine Handvoll äußerst sehenswerter, heute leider in Vergessenheit geratener Filme, die nicht weit vom Realismus und sozialkritischen Ton seiner Dokumentarfilme entfernt sind. Hierzu zählt auch sein dritter Kinofilm The Squeeze (in Deutschland unter dem reißerischen Verleihtitel Der aus der Hölle kam vermarktet), der einige Berührungspunkte mit dem britischen Gangster- und Crime-Drama der 70er vorzuweisen hat, bei genauerer Betrachtung dann aber doch gänzlich eigene Wege beschreitet.

Im Zentrum des Films steht der vom Dienst freigestellte Cop Jim Naboth (Stacy Keach), dessen Ex-Frau vom Londoner Mob entführt wird. Naboth ist ein heruntergekommener Säufer, lebt allein mit seinen beiden Söhnen von der Wohlfahrt und wird während seiner Alkoholabstürze regelmäßig von der Polizei aufgegriffen. Trotz seiner Schwierigkeiten tut er sich mit Foreman (Edward Fox), dem neuen Partner seiner Ex-Frau zusammen, um die Gangster aufzuspüren. Die Entführer fordern eine Million Pfund Lösegeld und so ist Foreman als Chef eines Unternehmens für Werttransporte gezwungen, einen seiner eigenen Geldtransporte zu überfallen.

Obgleich The Squeeze immer wieder im gleichen Atemzug mit Filmen wie Get Carter (1971) und anderen Klassikern des britischen Crime-Thrillers genannt wird, fällt sofort auf, wie wenig Apted den Fokus seines Films auf den crime, dafür jedoch umso deutlicher auf die Zeichnung der suchtkranken Hauptfigur legt. Der Kriminalplot des Films scheint den Regisseur gar nicht allzu sehr zu interessieren – viele der Szenen, in denen David Hemmings und seine Gangstergang im Mittelpunkt stehen, wirken eher beiläufig abgehandelt; viel mehr Raum nimmt die Schilderung des von Abstürzen und Erniedrigungen geprägten Alltags des Protagonisten Naboth ein. In einer der prägnantesten Szenen des Films wird Naboth – auf der Suche nach Hinweisen auf die Entführer – von einem schmierigen Unterweltboss (Stephen Boyd) zunächst verprügelt, dann mit Unmengen Alkohol abgefüllt und schließlich nackt vor seinem Haus ausgesetzt. Die entsetzte Nachbarschaft schämt sich gehörig fremd und nur Naboths Nachbarin zieht dem Betrunkenen eine Jacke über – mit der Anmerkung, sie habe sich ums Abendessen der Kinder gekümmert.

Zu den wenigen echten Gemeinsamkeiten mit Filmen wie Villain oder Get Carter zählt indes die Zeichnung des urbanen Milieus als verrotteter Moloch, der dem Individuum kaum eine andere Wahl lässt, als vor der grauen Tristesse zumindest kurzfristig in den beglückenden (Alkohol-)Rausch zu fliehen. Die monotone Rasterstruktur des grauen Häusermeers wird in einer zentralen Szene des Films auch zum Sinnbild der Sucht, in der sich der Protagonist hoffnungslos verstrickt hat: während Naboth und sein Bruder Teddy (Freddie Starr) mit ihrem Auto durch Londons Vorstadtsiedlungen hetzen, schwenkt die Kamera per Helikopteraufnahme hoch in die Vogelperspektive und zeigt das winzige Auto, wie es orientierungslos und verloren im Labyrinth der Straßenmuster umherirrt. „These streets don’t lead anywhere. There’s no way out. Just more streets that look the same.“, kommentiert Naboth desillusioniert und charakterisiert damit auch das Hamsterrad des Alkoholikers, das ihn immer wieder auf den Nullpunkt zurückwirft. Wie die Faust aufs Auge passt in diesen Szenen das trübe, in sich kreisende Hauptmotiv der Filmmusik David Hentschels, das sich dem Zuschauer in steter, unnachgiebiger Wiederholung in die Gehörgänge bohrt und die Stimmung des Films beständig am Boden hält.

Trotzdem – am Ende meint es Apted gut mit seinem Protagonisten und lässt den Film auf einer hoffnungsvollen Note ausklingen: Naboth stellt die Gangster auf der Flucht, rettet seine Frau und findet, so deutet der Film zumindest an, wieder einen Draht zum Leben. Die titelgebende „squeeze“ (zu deutsch: Klemme) überwindet Naboth jedoch nicht nur im Kriminalplot der Handlung, auch die Sucht scheint sich nun immerhin andere Ventile zu suchen: nach der finalen Schießerei verzieht sich Naboth – wie üblich – in den nächstgelegenen Pub, kurze Zeit später stößt auch Teddy dazu. Statt vor einem Sherry sitzt er nun vor einer Tasse Kaffee. Seine erste heute, versichert er.

 

Fassungs-Info:

– deutsche VHS-Veröffentlichung von Warner Home Video (1985)
– amerikanische DVD-On-Demand-Veröffentlichung von Warner Archive (2011)