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verführung: die grausame frau (elfi mikesch, monika treut, BRD 1985)

verführungAuch wenn das nebenstehende Videocover von Elfi Mikeschs und Monika Treuts Verführung: Die grausame Frau (eine ramschige Videotheken-Version des Originalplakats) den sublimen Qualitäten des Films kaum gerecht wird – es lässt durchaus erahnen, wie der Undergroundfilm seinerzeit vom „uneingeweihten“ Publikum wahrgenommen wurde. „Diese Mischung aus Fäkaliensprache und Erotik kann niemandem zugemutet werden“, äußerte der damalige Innenminister Friedrich Zimmermann schon nach Lektüre des Drehbuchs – die in Erwägung gezogene Filmförderung von 250.000 DM war damit vom Tisch. Der Katholische Filmdienst meinte dann zum fertigen Film: „Die Perversion des Masochismus wird weder erklärt noch wird für Verständnis bei den ‚normalen‘ Kinogängern geworben. […] Rundum überflüssig und ärgerlich.“ Der Video-Verleih übernahm diese Einordnung scheinbar kritiklos und spendierte dem Film eine Veröffentlichung, die ihr Dasein über die Jahre hinweg vermutlich in den hintersten Ecken der Sex- und Pornoabteilungen der Videotheken fristen musste – und 1987 sogar auf dem Index landete. (Eine „seriöse“ Videoveröffentlichung, die vom Jugendschutz unbehelligt blieb, erfolgte erst einige Jahre später in der Filmgalerie 451.)

Im Vergleich mit den zuletzt besprochenen Mikesch-Filmen kommt Verführung: Die grausame Frau – entstanden in Co-Regie mit Queer-Cinema-Autorin Monika Treut – eine klare Sonderstellung zu: anders als die dokumentarischen Arbeiten der späten 70er ist Elfi Mikeschs erster Spielfilm provozierend, subversiv und anti-bürgerlich, gibt sich in seiner radikalen Gestalt weitaus kämpferischer und angriffslustiger als die vorangegangenen Filme der Regisseurin. Mikesch und Treut entwerfen ein wildes, surreal überzeichnetes Porträt sadomasochistischer (Sub-)Kultur, das zwar nicht visuell, aber immerhin motivisch an Mikeschs feministische Schwarz-Weiß-Kurzfilme Die blaue Distanz und Das Frühstück der Hyäne (beide 1983) anschließt. In beiden Filmen stehen weibliche Identitätskrisen und Ausbrüche aus männlich dominierten Machtverhältnissen im Mittelpunkt – in Verführung dagegen scheint es die männliche Vorrangstellung schon lange nicht mehr zu geben; die Frau herrscht mit größter Selbstverständlichkeit.

In lose verbundenen Episoden begleitet der Film die Domina und BDSM-Künstlerin Wanda (Mechthild Großmann), die in ihrer Kunstgalerie im Hamburger Hafen sadomasochistische Performances und Bühnenshows inszeniert. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf Wandas privatem und professionellem Umfeld, das sich der kalten Dominanz ihrer Chefin teils bereitwillig, teils leidend unterwirft: Wandas lesbische Lebensgefährtin Caren (Carola Regnier) und die aus Amerika anreisende Geliebte Justine (Sheila McLaughlin) versuchen sich Wandas strenger Führung zunächst zu widersetzen, kapitulieren jedoch bald, und auch der romantische, sich in Wanda verliebende Gregor (Udo Kier) muss die Unerreichbarkeit seiner Herrin akzeptieren und Wandas Verführung als grausames Spiel anerkennen, bei dem es niemals zur gleichberechtigten Liebe auf Augenhöhe kommen kann.

Wandas Sklaven, aber insbesondere die Männer, sind in Verführung erbärmliche Würmer, kriechen im Dreck und lecken Pissoirs und Toilettenböden sauber. Wanda ist die monströs übersteigerte Imagination der „grausamen Frau“, die jedoch – so Monika Treut in ihrer dem Film zugrundeliegenden Dissertation – nur dem männlichen Angstbild unabhängiger, selbstbestimmter Weiblichkeit entspringt. Die emanzipierte, sexuell selbstbestimmt lebende Frau wird zum übermächtigen Faszinosum, das sich der männlichen Beherrschungsphantasie entzieht und der selbst die Schüsse aus Gregors Revolver nichts mehr anhaben können. Am Ende erntet der erniedrigte Gregor nur schallendes Gelächter, die Schusswunde an Wandas Hand ist nicht mehr als ein kleiner Kratzer.

Ein besonders subversiver Moment, und vielleicht meine Lieblingsszene des gesamten Films: der Journalist Maehrsch (Peter Weibel) befragt Wanda in einem Interview über ihre Sexualität und Lebensweise, kommentiert ihre BDSM-Shows herablassend aus der Perspektive des biederen Kleinbürgers („eine Frau mit ihrer Bildung könnte doch mehr aus sich machen“), entdeckt jedoch im Laufe des Gesprächs seine masochistischen Bedürfnisse und wird prompt zur menschlichen Toilette. Die bürgerliche Identifikationsfigur wechselt innerhalb weniger Minuten die Seiten und nimmt die neue Rolle des unterwürfigen Sklaven dankbar an – für die Schreiberlinge des Katholischen Filmdienstes sicherlich ein echter Alptraum.

 

Fassungs-Info:

– deutsche VHS-Veröffentlichung von Rainbow’s Media Entertainment (1986)
– deutsche VHS-Veröffentlichung von Filmgalerie 451
– deutsche DVD-Veröffentlichung von Absolut Medien

was soll’n wir denn machen ohne den tod (elfi mikesch, BRD 1980)

13EF4F68813A4054B328A283EDF045F4_14763Möchte man die Dokumentarfilm-Arbeiten Elfi Mikeschs auf einen gemeinsamen Nenner bringen, so stößt man schnell auf ein prägnantes Charakteristikum, das sowohl frühe Arbeiten wie Ich denke oft an Hawaii als auch die Filme der späten 90er Jahre (Die Markus Family) prägt: die Freude an der spielerischen Umformung des Dokumentarischen, die Einbeziehung des Artifiziellen, des Poetischen und mitunter auch Plakativen – Inszenierungen von Wirklichkeit, die durch ihren ausstellenden Charakter umso wahrhaftiger werden und nicht selten die stilistischen Grenzen zum Spielfilm überschreiten.

Auf sehr ähnliche Weise wie der Rossol-Familie in Hawaii nähert sich Elfi Mikesch in Was soll’n wir denn machen ohne den Tod den Bewohnern einer Hamburger Seniorenresidenz und zeichnet ein Bild poetischer Innenwelten. Im Gegensatz jedoch zu den kontemporär geprägten, von Werbung und medialer Verheißung geprägten Seelenlandschaften von Carmen, Tito und Ruth ist die Geisteswelt der Alten eine Welt des Distinguierten, eine Welt stolzer, feudaler Kultiviertheit und elegischer Verklärung. Das Seniorenheim wird zum entrückten, entzeitlichten Raum der Erinnerungen, fernab der Lebensrealität des Jahres 1980. Auch wenn mit einem jungen Pflegerpaar die Perspektive der jüngeren Generation nicht vernachlässigt wird – die Alten scheinen trotz allem von ihrer Umwelt abgeschlossen, ununterbrochen umgeben vom sepiagetönten Schleier der Vergangenheit. Kunstvoll gestaltet Mikesch die Isolation in Erinnerungswelten vor allem im Akustischen: in der ersten Einstellung des Films sehen wir ein halb geöffnetes Fenster in den frühen Morgenstunden, der Vorgang weht zart im kühlen Luftzug der Dämmerung und auf der Tonebene greifen die kammermusikalischen Klänge eines impressionistischen Konzertstücks ineinander. Schon in diesem ersten Moment des Films offenbart sich in unbeschreiblicher, kaum in Worten vermittelbarer Poesie das Eingeschlossen-Sein im Alt-Sein, die gekappten Verbindungen zum Leben und zum Jetzt. Die frische Morgenluft, die Außenwelt, scheint zwar in die Zimmer des Seniorenheims vorzudringen, doch bleibt der Hauch aus der Außenwelt für die Bewohner und auch für Mikeschs filmisches Auge ein opernhaftes Mysterium, romantisch aufgeladen, kündend von anderen Welten und überzeitlicher Ferne – Luft vom anderen Planeten, um beim mystisch-symbolistischen Sinnbezug zu bleiben.

Die mitunter manierierte Poesie der Erinnerungswelten überträgt Mikesch in diesen Momenten auf formidable Weise in die Sprache des Films. Statt einer bloßen, sozialkritischen Abbildung der Lebenssituation alternder Menschen in Pflegeheimen (was in etwa dem ursprünglichen Konzept entsprach), gelingt der Regisseurin ein hochgradig ästhetisiertes Bild einer Generation, die mit der Kultur der Jahrhundertwende groß geworden ist und nun, im Schleier dieser spezifischen Prägung, ihren Lebensabend verbringt. Die Intimität, mit der diese Geisteswelten erkundet werden, ist verblüffend – und das Ergebnis könnte nicht weiter entfernt sein von der distanzierten Kälte, mit der sich Ulrich Seidl dem Thema Geriatrie im semi-dokumentarischen Import/Export (2007) genähert hat.

Ebenso wie Ich denke oft an Hawaii gehört Was soll’n wir denn machen ohne den Tod zu den großen Raritäten im Schaffen Elfi Mikeschs – VHS- oder DVD-Veröffentlichungen gibt es nicht, und die Kopienlage beider Filme gestaltet sich ähnlich problematisch. Während für die Vorführung von Hawaii im Rahmen eines derzeit stattfindenden Elfi-Mikesch-Seminars an der Uni Frankfurt noch eine 16mm-Kopie aufgetrieben werden konnte, fand die Vorführung von Was soll’n wir denn machen ohne den Tod im Deutschen Filmmuseum „nur“ von einer DVD-Kopie statt. Die einzig erhaltene Vorführkopie – im Besitz des Müncher Filmmuseums – kam aus Schonungsgründen nicht zum Einsatz. Hier zeigt sich die dringende Notwendigkeit restauratorischer Maßnahmen, sei es in Form von Umkopierung oder adäquater Digitalisierung. Die Aufmerksamkeit des regionalen Publikums wurde dank der filmkulturellen Arbeit der Seminar-Veranstalter zumindest geweckt, und so bleibt zu hoffen, dass weitere Anstrengungen nicht gescheut werden und den frühen Mikesch-Arbeiten – über welche Wege auch immer – der Fortbestand in den Annalen der bundesdeutschen Filmgeschichte gewährt bleibt.