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la sposina (sergio bergonzelli, I 1975)

la-sposinaBeim dritten Terza Visione (dem Festival des italienischen Genrefilms im Nürnberger KommKino) stieß Sergio Bergonzellis fast vergessener Cristiana monaca indemoniata (1972) im vergangenen April auf enthusiastische Reaktionen. Der wilde Genremix um eine junge, freizügig lebende Frau, die nach einem Beinahe-Flugzeugabsturz dem sündigen Leben entsagen und fortan als Nonne im Kloser leben will, verschränkt Melodram, Kirchenkritik, Sex- und Nunsploitation zu einem wundersamen, höchst eigentümlichen Pastiche – eine der letzten erhaltenen 35mm-Kopien des Films wurde von den Filmliebhabern Christoph Draxtra und Andreas Beilharz in liebevoller, ehrenamtlicher (!) Kleinstarbeit bestmöglich restauriert, mit deutschen Untertiteln versehen und schließlich einem begeisterten Publikum präsentiert. Das journalistische Echo auf Cristiana und ihre mühevolle Instandsetzung reichte schließlich bis in prominente deutsche Filmportale: Katrin Doerksen von kino-zeit nahm sich das cineastische Event zum Anlass, die filmkulturellen Verdienste der Nürnberger Restauratoren in einem ausführlichen Artikel zu würdigen.

Einige Monate später steht nun die nächste Bergonzelli-Entdeckung ins Haus: die 1975 gedrehte, aufgrund von Zensurproblemen jedoch erst ein Jahr später uraufgeführte Beziehungskomödie La sposina, die ich Anfang September in einer privaten Vorführung in Nürnberg bewundern durfte, zeigt viel von der überschwänglichen Energie und Vitalität, die schon Cristiana monaca indemoniata auszeichnete. Mit beinahe hysterischer Ausgelassenheit begleitet Sergio Bergonzelli seine beiden Protagonisten, das Liebespaar Massimo (Carlo De Mejo) und Chiara (Antiniska Nemour), auf dem turbulenten Weg ins junge Eheleben. Aufgrund seiner Erfolglosigkeit als Schriftsteller leidet Massimo jedoch an psychogener Impotenz, und so versucht Chiara mit allen denkbaren und nicht denkbaren Methoden, der Manneskraft ihres Gatten neues Leben einzuhauchen. Nach diversen gescheiterten Versuchen stellt sich heraus, dass Massimos Sexualtrieb nur durch Eifersucht in Wallung gebracht werden kann – was Chiara natürlich sofort dazu veranlasst, sich aufopferungsvoll Massimos schmierigem Verleger hinzugeben…

Ich kenne mich in der Commedia sexy all’italiana bislang eher schlecht als recht aus, aber ich habe das Gefühl, mit Bergonzellis Film den denkbar besten Einstieg ins Genre gefunden zu haben. La sposina ist hemmungsloser Aktivismus – ein Film, der sich auf die Fahnen geschrieben hat, jeden noch so großen Muffel aus der Reserve zu locken und ihn mit in den lustvollen Balztanz der Frivolitäten zu reißen. Schon die großartige Eröffnungssequenz, in der Chiara und Massimo mit Freunden durch ein sommerliches Pinienwäldchen tollen und alle Beteiligten bei Fummelei und Outdoor-Fellatio fröhlich übereinanderstolpern, gibt die ungehemmt vergnügte Marschrichtung des Films vor, der sich in seiner Albernheit zwar regelrecht verausgabt, dabei aber eher den Eindruck eines psychedelischen Kunstfilms als den einer unverfänglichen Sexklamotte macht. Bergonzelli lässt jede Idee schamlos eskalieren und treibt das sexversessene Gewusel seiner Darsteller fast minütlich auf die Spitze: während Chiaras und Massimos Hochzeit zu Beginn des Films wird die verkleckerte Torte munter aus dem Schritt des Bräutigams geleckt und als Chiara im Plattenladen nach einem musikalischen Aphrodisiakum für Massimo sucht, fallen sie und der Plattenverkäufer schon beim Probehören wolllüstig übereinander her. Mit der psychedelischen Finalsequenz setzt Bergonzelli dem bunten Treiben schließlich die Krone auf: nachdem Massimo seine Frau und seinen Verleger beim Schäferstündchen erwischt hat und nach erfolgtem Rauswurf des Kontrahenten endlich der lang ersehnte Koitus gelingt, stürmt das Paar lachend und freudetaumelnd aus dem Haus, das Bild ins Bergonzelli-typische Kaleidoskop verzerrt und begleitet von der pseudo-sakralen, erhebenden Chormusik Nico Fidencos. Auch der verschämt und hosenlos auf der Straße stehende Verleger (die Hose musste er unter den sich leidenschaftlich verrenkenden Körpern des Liebespaars zurücklassen) stimmt in den ausgelassenen Jubel mit ein, und La sposina endet im kultischen Kreistanz, der den dionysisch anmutenden Beschwörungscharakter des Films in ein unvergessliches Schlussbild kleidet. La sposina ist ein Film, den man erlebt haben muss, ein wilder Zauber der Sinnesfreuden und eine triumphale Feier des Eros – ich hätte ihn am liebsten gleich noch einmal gesehen.

the traveling executioner (jack smight, USA 1970)

the-traveling-executioner-movie-poster-1970-10202050551918 im amerikanischen Süden: der freiberufliche Henker Jonas Candide (Stacy Keach) reist mit seinem selbstgebauten elektrischen Stuhl von Gefängnis zu Gefängnis und schickt jeden Todeskandidaten mit unternehmerischem Ehrgeiz in die ewigen Jagdgründe. Dennoch pflegt Candide ein strenges Berufsethos: liebevoll kümmert er sich um seine Kunden und gestaltet ihren Tod mit Einfühlungsvermögen und beruhigenden Worten so angenehm wie möglich. Als er mit der deutschen Mörderin Gundred Herzallerliebst (Marianna Hill) seine erste Frau hinrichten soll, gerät sein routinierter Arbeitsalltag aus den Fugen. Candide startet einen waghalsigen Befreiungsversuch…

Jack Smights The Traveling Executioner ist ein Film, wie er eigentlich nur in der recht kurzen Phase der ausgehenden 60er und beginnenden 70er Jahre entstehen konnte. Im Sommer 1967 war die Todesstrafe in den USA durch ein Vollstreckungsmoratorium flächendeckend außer Kraft gesetzt worden (erst 1976 wurde sie wieder eingeführt) und vielen liberalen Amerikanern schien es, als ob das repressive Strafrechtssystem der Vereinigten Staaten – und insbesondere die grausame Praxis der electrocution – endgültig überwunden wäre. Aus dieser neuen, distanzierten Perspektive erklärt sich wohl die sorglose Morbidität des Films, die bereits im ersten Drittel, als Candide seinen Lastwagen zum bunten Jahrmarkts-Vehikel umrüstet, einen grotesken Höhepunkt erreicht. Potenziert wird die irritierende Wirkung der schwarzhumorigen Inszenierung durch Jerry Goldsmiths vergnügte Filmmusik, die Elemente des Dixieland- und New-Orleans-Jazz verarbeitet und damit den während des Films immer wieder betonten Show-Charakter der Hinrichtungen unterstreicht (man beachte diesbezüglich auch die Gestaltung des elektrischen Stuhls, der mit seiner schaubudenhaften Glühbirnenbeleuchtung weniger an ein Mordinstrument als eher an eine skurrile Jahrmarktsattraktion erinnert). Verstörend sind nicht zuletzt auch die sexuellen Implikationen, mit denen Smight einige Dialoge über den Tod auf dem elektrischen Stuhl garniert – ohne dabei auch nur in einem Moment den unbekümmert-naiven Tonfall des Films ins Nachdenkliche kippen zu lassen.

So frei Smights Inszenierung von moralischen Überlegungen hinsichtlich seines brisanten Themas ist, so wenig menschliches Identifikationspotenzial bieten auch die Figuren: Candide ist ein überheblicher, selbstverliebter, das System der Todesstrafe nie hinterfragender Schnösel, dessen fürsorgliches Auftreten gegenüber seinen Todeskandidaten nicht nur ambivalent, sondern regelrecht absurd anmutet, und selbst Gundred Herzallerliebst, eigentlich in der Opferrolle, zeichnet sich durch bemerkenswerte menschliche Kälte aus, indem sie Candides sexuelles Begehren skrupellos für ihre Zwecke ausnutzt. Der Verzicht auf echte Sympathieträger macht The Traveling Executioner schwer greifbar und unterscheidet ihn dann auch von ähnlich gelagerten, ungefähr im gleichen Zeitraum entstandenen schwarzen Komödien wie Hal Ashbys Harold and Maude (1971) – an den ich mich nicht nur wegen des Auftritts von Harold-Darsteller Bud Court einige Male erinnert fühlte.

In Jack Smights abwechslungsreicher Filmographie, die von Detektivkomödie (Harper, 1966) über Science-Fiction (Damnation Alley, 1977) bishin zum Kriegsfilm (Midway, 1976) reicht, stellt The Traveling Executioner sicher einen der sonderbarsten Einträge dar. Der bis heute wenig bekannte Film, der durchaus im Kontext des Ende der 60er Jahre erblühenden New Hollywood rezipiert werden kann, ist ein herrliches Beispiel für das Kino einer Zeit, in der große amerikanische Studios (hier: MGM) auch noch abwegigste Filmentwürfe unters Publikum streuten. The Traveling Executioner ist ein bemerkenswerter kleiner Streifen – und gemeinsam mit der poetisch-fiebrigen Ray-Bradbury-Verfilmung The Illustrated Man (1969, ebenfalls mit hervorragender Musik Jerry Goldsmiths) mein Favorit im Schaffen Smights.

 

Fassungs-Info:

– deutsche VHS-Veröffentlichung von MGM/UA Home Video (1984)
– amerikanische DVD-On-Demand-Veröffentlichung von Warner Archive (2011)