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the squeeze (michael apted, GB 1977)

squeezeMichael Apted, in den 80er und 90er Jahren verantwortlich für Kassenerfolge wie Gorillas in the Mist (1988) oder James Bond – The World Is Not Enough (1999), begann seine Karriere im britischen Fernsehen und als Dokumentarfilmer. Er inszenierte für bedeutende Formate wie ITV Playhouse und Coronation Street (das britische Vorbild für die Lindenstraße) – im Bereich des Dokumentarfilms zeichnet Apted für die viel beachtete Up-Serie verantwortlich, die im 7-Jahres-Zyklus das Leben 14 junger Briten begleitet (und damit wichtige Vorarbeit für spätere, (halb-)dokumentarische Filmexperimente wie Boyhood (2014) leistete).

Erst Ende der 70er Jahre verlagerte Apted den Schwerpunkt seiner Tätigkeit endgültig aufs Kino. Der Durchbruch zur breiteren Öffentlichkeit gelang ihm 1980 mit dem Musiker-Biopic Coal Miner‘s Daughter (ausgezeichnet mit dem Oscar für Sissy Spacek als beste Hauptdarstellerin), doch schon davor inszenierte der Brite eine Handvoll äußerst sehenswerter, heute leider in Vergessenheit geratener Filme, die nicht weit vom Realismus und sozialkritischen Ton seiner Dokumentarfilme entfernt sind. Hierzu zählt auch sein dritter Kinofilm The Squeeze (in Deutschland unter dem reißerischen Verleihtitel Der aus der Hölle kam vermarktet), der einige Berührungspunkte mit dem britischen Gangster- und Crime-Drama der 70er vorzuweisen hat, bei genauerer Betrachtung dann aber doch gänzlich eigene Wege beschreitet.

Im Zentrum des Films steht der vom Dienst freigestellte Cop Jim Naboth (Stacy Keach), dessen Ex-Frau vom Londoner Mob entführt wird. Naboth ist ein heruntergekommener Säufer, lebt allein mit seinen beiden Söhnen von der Wohlfahrt und wird während seiner Alkoholabstürze regelmäßig von der Polizei aufgegriffen. Trotz seiner Schwierigkeiten tut er sich mit Foreman (Edward Fox), dem neuen Partner seiner Ex-Frau zusammen, um die Gangster aufzuspüren. Die Entführer fordern eine Million Pfund Lösegeld und so ist Foreman als Chef eines Unternehmens für Werttransporte gezwungen, einen seiner eigenen Geldtransporte zu überfallen.

Obgleich The Squeeze immer wieder im gleichen Atemzug mit Filmen wie Get Carter (1971) und anderen Klassikern des britischen Crime-Thrillers genannt wird, fällt sofort auf, wie wenig Apted den Fokus seines Films auf den crime, dafür jedoch umso deutlicher auf die Zeichnung der suchtkranken Hauptfigur legt. Der Kriminalplot des Films scheint den Regisseur gar nicht allzu sehr zu interessieren – viele der Szenen, in denen David Hemmings und seine Gangstergang im Mittelpunkt stehen, wirken eher beiläufig abgehandelt; viel mehr Raum nimmt die Schilderung des von Abstürzen und Erniedrigungen geprägten Alltags des Protagonisten Naboth ein. In einer der prägnantesten Szenen des Films wird Naboth – auf der Suche nach Hinweisen auf die Entführer – von einem schmierigen Unterweltboss (Stephen Boyd) zunächst verprügelt, dann mit Unmengen Alkohol abgefüllt und schließlich nackt vor seinem Haus ausgesetzt. Die entsetzte Nachbarschaft schämt sich gehörig fremd und nur Naboths Nachbarin zieht dem Betrunkenen eine Jacke über – mit der Anmerkung, sie habe sich ums Abendessen der Kinder gekümmert.

Zu den wenigen echten Gemeinsamkeiten mit Filmen wie Villain oder Get Carter zählt indes die Zeichnung des urbanen Milieus als verrotteter Moloch, der dem Individuum kaum eine andere Wahl lässt, als vor der grauen Tristesse zumindest kurzfristig in den beglückenden (Alkohol-)Rausch zu fliehen. Die monotone Rasterstruktur des grauen Häusermeers wird in einer zentralen Szene des Films auch zum Sinnbild der Sucht, in der sich der Protagonist hoffnungslos verstrickt hat: während Naboth und sein Bruder Teddy (Freddie Starr) mit ihrem Auto durch Londons Vorstadtsiedlungen hetzen, schwenkt die Kamera per Helikopteraufnahme hoch in die Vogelperspektive und zeigt das winzige Auto, wie es orientierungslos und verloren im Labyrinth der Straßenmuster umherirrt. „These streets don’t lead anywhere. There’s no way out. Just more streets that look the same.“, kommentiert Naboth desillusioniert und charakterisiert damit auch das Hamsterrad des Alkoholikers, das ihn immer wieder auf den Nullpunkt zurückwirft. Wie die Faust aufs Auge passt in diesen Szenen das trübe, in sich kreisende Hauptmotiv der Filmmusik David Hentschels, das sich dem Zuschauer in steter, unnachgiebiger Wiederholung in die Gehörgänge bohrt und die Stimmung des Films beständig am Boden hält.

Trotzdem – am Ende meint es Apted gut mit seinem Protagonisten und lässt den Film auf einer hoffnungsvollen Note ausklingen: Naboth stellt die Gangster auf der Flucht, rettet seine Frau und findet, so deutet der Film zumindest an, wieder einen Draht zum Leben. Die titelgebende „squeeze“ (zu deutsch: Klemme) überwindet Naboth jedoch nicht nur im Kriminalplot der Handlung, auch die Sucht scheint sich nun immerhin andere Ventile zu suchen: nach der finalen Schießerei verzieht sich Naboth – wie üblich – in den nächstgelegenen Pub, kurze Zeit später stößt auch Teddy dazu. Statt vor einem Sherry sitzt er nun vor einer Tasse Kaffee. Seine erste heute, versichert er.

 

Fassungs-Info:

– deutsche VHS-Veröffentlichung von Warner Home Video (1985)
– amerikanische DVD-On-Demand-Veröffentlichung von Warner Archive (2011)

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the traveling executioner (jack smight, USA 1970)

the-traveling-executioner-movie-poster-1970-10202050551918 im amerikanischen Süden: der freiberufliche Henker Jonas Candide (Stacy Keach) reist mit seinem selbstgebauten elektrischen Stuhl von Gefängnis zu Gefängnis und schickt jeden Todeskandidaten mit unternehmerischem Ehrgeiz in die ewigen Jagdgründe. Dennoch pflegt Candide ein strenges Berufsethos: liebevoll kümmert er sich um seine Kunden und gestaltet ihren Tod mit Einfühlungsvermögen und beruhigenden Worten so angenehm wie möglich. Als er mit der deutschen Mörderin Gundred Herzallerliebst (Marianna Hill) seine erste Frau hinrichten soll, gerät sein routinierter Arbeitsalltag aus den Fugen. Candide startet einen waghalsigen Befreiungsversuch…

Jack Smights The Traveling Executioner ist ein Film, wie er eigentlich nur in der recht kurzen Phase der ausgehenden 60er und beginnenden 70er Jahre entstehen konnte. Im Sommer 1967 war die Todesstrafe in den USA durch ein Vollstreckungsmoratorium flächendeckend außer Kraft gesetzt worden (erst 1976 wurde sie wieder eingeführt) und vielen liberalen Amerikanern schien es, als ob das repressive Strafrechtssystem der Vereinigten Staaten – und insbesondere die grausame Praxis der electrocution – endgültig überwunden wäre. Aus dieser neuen, distanzierten Perspektive erklärt sich wohl die sorglose Morbidität des Films, die bereits im ersten Drittel, als Candide seinen Lastwagen zum bunten Jahrmarkts-Vehikel umrüstet, einen grotesken Höhepunkt erreicht. Potenziert wird die irritierende Wirkung der schwarzhumorigen Inszenierung durch Jerry Goldsmiths vergnügte Filmmusik, die Elemente des Dixieland- und New-Orleans-Jazz verarbeitet und damit den während des Films immer wieder betonten Show-Charakter der Hinrichtungen unterstreicht (man beachte diesbezüglich auch die Gestaltung des elektrischen Stuhls, der mit seiner schaubudenhaften Glühbirnenbeleuchtung weniger an ein Mordinstrument als eher an eine skurrile Jahrmarktsattraktion erinnert). Verstörend sind nicht zuletzt auch die sexuellen Implikationen, mit denen Smight einige Dialoge über den Tod auf dem elektrischen Stuhl garniert – ohne dabei auch nur in einem Moment den unbekümmert-naiven Tonfall des Films ins Nachdenkliche kippen zu lassen.

So frei Smights Inszenierung von moralischen Überlegungen hinsichtlich seines brisanten Themas ist, so wenig menschliches Identifikationspotenzial bieten auch die Figuren: Candide ist ein überheblicher, selbstverliebter, das System der Todesstrafe nie hinterfragender Schnösel, dessen fürsorgliches Auftreten gegenüber seinen Todeskandidaten nicht nur ambivalent, sondern regelrecht absurd anmutet, und selbst Gundred Herzallerliebst, eigentlich in der Opferrolle, zeichnet sich durch bemerkenswerte menschliche Kälte aus, indem sie Candides sexuelles Begehren skrupellos für ihre Zwecke ausnutzt. Der Verzicht auf echte Sympathieträger macht The Traveling Executioner schwer greifbar und unterscheidet ihn dann auch von ähnlich gelagerten, ungefähr im gleichen Zeitraum entstandenen schwarzen Komödien wie Hal Ashbys Harold and Maude (1971) – an den ich mich nicht nur wegen des Auftritts von Harold-Darsteller Bud Court einige Male erinnert fühlte.

In Jack Smights abwechslungsreicher Filmographie, die von Detektivkomödie (Harper, 1966) über Science-Fiction (Damnation Alley, 1977) bishin zum Kriegsfilm (Midway, 1976) reicht, stellt The Traveling Executioner sicher einen der sonderbarsten Einträge dar. Der bis heute wenig bekannte Film, der durchaus im Kontext des Ende der 60er Jahre erblühenden New Hollywood rezipiert werden kann, ist ein herrliches Beispiel für das Kino einer Zeit, in der große amerikanische Studios (hier: MGM) auch noch abwegigste Filmentwürfe unters Publikum streuten. The Traveling Executioner ist ein bemerkenswerter kleiner Streifen – und gemeinsam mit der poetisch-fiebrigen Ray-Bradbury-Verfilmung The Illustrated Man (1969, ebenfalls mit hervorragender Musik Jerry Goldsmiths) mein Favorit im Schaffen Smights.

 

Fassungs-Info:

– deutsche VHS-Veröffentlichung von MGM/UA Home Video (1984)
– amerikanische DVD-On-Demand-Veröffentlichung von Warner Archive (2011)