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ich denke oft an hawaii (elfi mikesch, BRD 1978)

CF2FE6A065D943DF8F7FD2494FEFB38C_00960In einer Berliner U-Bahn sitzt Carmen, ein sechzehnjähriges Mädchen mit dunklen Haaren und schmalem Kussmund, und blickt frontal in die Kamera. Im Off erzählt sie über sich, wo sie wohnt, wo sie zur Schule geht. Ihre alleinerziehende Mutter und ihr Bruder Tito wohnen am Stadtrand, in der Nähe einer großen Plattenbausiedlung. Die Wohnung der Familie ist beengt, viel zu klein für den Glastisch und den Schrank, den sich Carmen wünscht. Ihre Schulaufgaben erledigt sie kniend auf dem Boden des Wohnzimmers.

Die Mutter, Ruth, arbeitet als Putzfrau – immer wieder zeigt der Film die mit schäumendem Wasser befüllten Putzeimer und die Lappen, die in ihm ausgewrungen werden. Dazu paradiesisch anmutende, exotische Unterhaltungsmusik. Urlaubsstimmung. Auch die Tochter hilft bei den profanen Erledigungen des Alltags: im Schaum der Spüle, neben bunten 70er-Jahre-Kacheln, versenkt Carmen schmutzige Teller. Kurz darauf posiert sie, die Teller abtrocknend, in bunten, exotischen Kostümen. Sie will Tänzerin werden.

Elfi Mikeschs 1978 im Auftrag des ZDF entstandener Dokumentarfilm seziert mit feinem Sinn für Satire den Alltag einer Durchschnittsfamilie – „ein Film für jedes Wohnzimmer“, so der originelle Slogan auf dem Plakat des Films. Interessant ist hier aber auch der Sinnbezug zum Einrichtungsgegenstand, zum Dekor: Mikesch inszeniert die Träume und Bedürfnisse ihrer Protagonisten als farbenfrohe Ornamente, als Paradiesfantasien aus dem Urlaubskatalog, unterstützt von aufdringlichen Tapetenmustern und buntem Blümchen-Porzellan. Kitschige Postkarten aus Hawaii und Südamerika stehen überall auf den Schränken – die einzigen Hinterlassenschaften des aus Puerto Rico stammenden Vaters, der die Familie vor längerer Zeit verlassen hat. Die von Medien und Werbung gespeisten, teils in irritierendem Kontrast zur Alltagswelt stehenden Traumvorstellungen von Carmen, Ruth und Tito gehen einher mit bewusst artifiziellen, fast Spielfilm-haften Inszenierungsformen, in denen Carmen – einer Stummfilmikone der 20er Jahre ähnelnd – mit exotischen Schleiern um sich wirft oder Bruder Tito als eleganter Violin-Virtuose auftritt. Beseelt vom brecht’schen Verfremdungseffekt vermischt Mikesch die Tristesse des Alltags mit Bildern aus einer bunten Traumwelt – einer Welt des Trivialen, die sich in ihrer dekorativen Oberflächlichkeit als ebenso banal entpuppt wie die reale Lebenssituation der Protagonisten. Und dennoch geht der Film nicht respektlos mit seinen„Figuren“ um: Carmen, Ruth und Tito spielten ihre Träume, so die Regisseurin selbst, aus ganz eigenem Antrieb und mit voller Hingabe. Erst die Überhöhung, so scheint es, schafft ein Abbild der Realität.

Die zeitgenössischen Anfeindungen aus dem Lager der Dokumentaristen dürften nachvollziehbar sein, doch es gab auch andere Reaktionen auf den Film. Im Anschluss an die 16mm-Vorführung in der Frankfurter Kinothek Asta Nielsen Ende April schilderte Elfi Mikesch im Publikumsgespräch, wie ihr Film in den USA von der „Village Voice“ als Meisterstück der Camp-Kultur gefeiert wurde. Und tatsächlich geht Ich denke oft an Hawaii ganz in seiner ehrlichen Hingabe zum Banalen auf, lässt sich ohne Umschweife ein auf eine Welt aus Schlagern und Werbekatalogen, und trifft dabei zielsicher den Kern. So wie Carmen, die gerne die Happy Ends von Schnulzenromanen liest – für den Rest drumherum interessiert sie sich nicht so sehr.

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