vase de noces (thierry zéno, BE 1974)

Ein vereinsamt in den Ruinen eines Bauernhofs lebender, autistischer Mann (Dominique Garny), der sein Leben einzig mit der landwirtschaftlichen Nutzung seiner Umgebung bestreitet, geht eine sexuelle Beziehung mit seinem Schwein ein, tötet schließlich, nach anfänglichem Familienglück, die drei aus der Beziehung hervorgegangenen Ferkel, und arbeitet – nachdem sich die Sau aus Trauer um ihre Kinder umgebracht hat – an seiner endgültigen Selbstauflösung. Auf den Verzehr der eigenen Exkremente folgt der Selbstmord durch Erhängen an einer Leiter. Sein Geist schwebt daraufhin gen Himmel.

Vom belgischen Maler und Dichter Henri Michaux als ein „Monument des belgischen Kinos“ bewundert, von der australischen Regierung dagegen nach einer Festivalaufführung verboten: Vase de noces, der einzige fiktionale Film Thierry Zénos, wurde lange Zeit als sensationalistischer Tabubruch wahrgenommen – oder beflügelte zumindest die Fantasie derer, die nur von seinem anrüchigen Ruf wussten, ihn aber selbst nie zu Gesicht bekamen (unter dem Titel The Pig Fucking Movie kursierte der Film zwar einige Jahre lang in verschwommener digitaler Fassung im Internet, hatte sonst aber eher den Status eines filmischen Mythos inne). Im Jahr nach seiner Entstehung lief Vase de noces vor allem auf Festivals – in Los Angeles, New York, Tokyo, Perth und auch in Cannes – , in Frankreich fand der Film durch die Produzentin Michele Dimitri sogar für kurze Zeit einen regulären Kinoverleih. Über dreißig Jahre später, im Jahr 2009, traute sich schließlich das deutsche DVD-Label Camera Obscura an den Film, und bescherte Zénos komplexem filmischen Solitär die weltweit erste Heimkino-Veröffentlichung.

 

Thierry Zéno: Suche nach dem Ausgegrenzten

Seinen ersten Film drehte der 1950 im südbelgischen Namur geborene Zéno im Jahre 1971. Die 26-minütige Dokumentation Bouche sans fond ouverte sur les horizons über einen kreativen Insassen einer psychiatrischen Anstalt zeigt schon früh Zénos ausgeprägtes Interesse an kulturanthropologischen Untersuchungen randkultureller Phänomene. Im Rahmen von Bouche sans fond galt die besondere Aufmerksamkeit der ‚art brut‘: einer meist von geistig behinderten oder psychisch kranken Menschen gefertigten „Außenseiterkunst“, die außerhalb des akademischen Kunstbetriebs – und damit auch außerhalb ästhetischer Schulen – zu verorten ist und sich nur schwer in etablierte, kunsthistorische Narrative einordnen lässt. Georges Moinet, der im Film porträtierte Maler (der Titel des Films bezieht sich auf eines seiner Gemälde), kann dabei als frühes Vorbild für den autistischen Protagonisten aus Vase de noces gesehen werden, insbesondere wenn Moinet am Ende des Films – überzeugt vom positiven Wert seiner autistischen Innenwelt – mit der Gesellschaft bricht und eine „weitere Beschäftigung mit ihr“ für immer ausschließt.

Thierry Zénos kulturanthropologische Beschäftigung mit dem Ausgegrenzten setzte sich nach seinem Debütfilm mit der fiktiven „Fallstudie“ eines Autisten in Vase de noces fort – es folgten der als Mondo-Film im Fahrwasser von Faces of Death vermarktete (und als solcher ebenfalls missverstandene) Dokumentarfilm Des morts (1979) über den kulturellen Umgang mit dem Tabuthema Tod, zwei weitere ethnographische Dokumentationen über die ausgegrenzte Minderheit der mexikanischen Tzotzil-Indigenas und ihre Beteiligung an der Widerstandsbewegung EZLN (Chroniques d’un village tzotzil (1984-1992) und ¡Ya Basta! Le cri des sans-visage (1995-1997)), sowie zwei Dokumentarfilme über den symbolistischen belgischen Illustrator Félicien Rops (Les muses sataniques (1983), Ce tant bizarre monsieur Rops (2000)), der durch die pornographischen, antiklerikalen und satirischen Inhalte seiner Illustrationen zu einem der bedeutenden poètes maudits des ausgehenden 19. Jahrhunderts wurde. Die transgressive Tendenz und die Ästhetisierung des Tabubruchs, die in Rops‘ Illustrationen deutlich wird (und die ihn mit Literaten wie Marquis de Sade oder Georges Bataille verbindet), mag einen gewissen Einfluss auf das künstlerische Schaffen Zénos und auch auf die transgressiven Inhalte von Vase de noces gehabt haben. Eine vergleichbar ästhetisierende Provokation findet in Zénos Film allerdings nicht statt, stattdessen legt der Regisseur (auch in seinen anderen Filmen) Wert auf eine humanistische, im Kern weniger provokativ, als viel mehr inklusiv gedachte Beschäftigung mit dem kulturell Verstoßenen.

 

Vase de noces, Eremitentum und Les tribulations de Saint Antoine (1984): Der „heilige Autist“

In der künstlerischen Darstellung weckt die Verbindung einer vereinsamt bzw. asketisch lebenden Figur mit dem tierischen Attribut des Schweins seit dem ausgehenden Mittelalter mehr oder weniger eindeutige Assoziationen: das Heiligenbild des von Dämonen und irdischen Versuchungen geplagten Einsiedlers Antonius, dessen Leben in der Vita Antonii (4. Jhd. n. Chr.) des Bischofs Athanasius von Alexandria erstmals beschrieben wird, ist in bildnerischen Darstellungen seit ungefähr dem 14. Jahrhundert stets mit dem Schwein verbunden. (Obgleich schon in der Vita Antonii das Schwein (gemäß der christlichen Tradition) als Symbol des Unreinen auftaucht, wurde es erst später zum festen Begleiter des Heiligen: als Ursprung der Verbindung von Antonius und Schwein gilt nach heutigem Stand der Forschung der französische Hospizorden der Antoniter, der sich nach dem in der Vita Antonii beschriebenen Antonius benannte und seit Anfang des 13. Jahrhunderts in großem Umfang die Haltung und Aufzucht von Schweinen betrieb. Die Verbindung zwischen Schwein und Antoniterorden führte schließlich dazu, dass auch in der ikonographischen Darstellung das Schwein zum Attribut der Figur des Heiligen Antonius wurde.)

Eine Abbildung des Antonius mitsamt des Schweins – und anderen Attributen wie der Glocke und dem Tau-Kreuz – lässt sich bereits auf 1418 datieren. Im Laufe der Zeit wurde das Motiv des Schweins immer wieder aufgegriffen, auch in den Darstellungen der Versuchungen. Bedeutende Darstellungen stammen hierbei u.a. von Hieronymus Bosch und Matthias Grünewald (Versuchungstafel des Isenheimer Altars). Das Schwein fungiert hier meist noch als unbeteiligter Begleiter, dem keine besondere Aufmerksamkeit zuteil wird. Die wohl erste bildliche Darstellung der (sexuellen) Versuchungen des Heiligen Antonius, in der das Schwein eine bedeutende Aufwertung erfährt und regelrecht ins Zentrum einer sexuellen Konnotation gestellt wird, findet sich um 1858 wiederum bei Félicien Rops: das satirische Gemälde zeigt Antonius friedvoll schlafend, in enger Umarmung mit seinem Schwein. Sowohl Antonius als auch das Schwein sind mit einem Heiligenschein versehen. Neben der angedeuteten Sodomie (das Schwein als Versuchung, der sich Antonius hingibt) fällt vor allem der Umstand auf, dass auch dem Schwein das Heiligenattribut des Glorienscheins zugewiesen wird: das Schwein, Symbol für Unreinheit und Körperlich-Profanes, erhält den Status des Heiligen. (In einigen weiteren Arbeiten Rops‘ findet ebenfalls eine besondere Betonung des Schweins statt, etwa in Rops‘ zweiter Antonius-Darstellung von 1878 (hier jedoch weniger provokativ und nicht mehr konkret sexuell konnotiert), sowie in der Radierung Pornocrates von 1896, die auf die Mätressenwirtschaft in der katholischen Kirche des 10. Jahrhunderts verweist und das Schwein als Symbol für Wolllust inszeniert.)

Für die Annahme, dass die Figur des Heiligen Antonius (samt seines Schweins) als wichtigste Inspirationsquelle für die Anlage der Hauptfigur in Vase de noces diente, sprechen neben Thierry Zénos intensiver Rezeption des künstlerischen Werks von Félicien Rops viele weitere Hinweise: zum Einen findet sich in Zénos filmischem Schaffen mit der Kunstdokumentation Les tribulations de Saint Antoine (1984) ein weiterer, konkreter Anhaltspunkt für Zénos ausgeprägtes Interesse an der Heiligenfigur, zum Anderen werden in Vase de noces neben dem Schwein auch weitere Attribute der Antonius-Figur in die Inszenierung miteinbezogen, etwa die immer wieder geläutete Glocke des verfallenen Hofes, sowie das Feuer, auf dem der Protagonist kocht und sein Badewasser erhitzt. Traditionell ist das Motiv des Feuers in der Antonius-Darstellung mit den Aspekten „Medizin“ und „Heilung“ verbunden, in einem entfernteren Sinne auch mit der Alchemie. Die Alchemie als Ausdruck einer Suche nach dem Göttlichen gewinnt insbesondere am Ende des Films an Bedeutung, wenn der Protagonist – wiederum mithilfe des Feuers – seine Exkremente einkocht und nach einer Möglichkeit sucht, diese zu verzehren. Die vielfältigen Beziehungen zwischen Alchemie und Transzendenz zum Göttlichen beleuchtet Zéno auch in seiner Kunstdokumentation Les tribulations de Saint Antoine, die Bild-Montagen verschiedener Antonius-Darstellungen der Kunstgeschichte mit einem poetischen Monolog der Antonius-Figur verbindet. So heißt es in dem aus der Ich-Perspektive vorgetragenen Text:

Zu Gott wird meine Seele sich erheben, während die Scharlatane, die meine Kunst zu kennen behaupten, in das Feuer der Hölle gestürzt werden. Denn für den einen ist die Alchemie der Duft, der vom Tod zum Tode führt, und für den anderen der Duft von einem Leben zum nächsten.

Der Wunsch des Protagonisten, „von einem Leben zum nächsten“ zu transzendieren, äußert sich im Verlauf des Films immer wieder: zu Beginn, wenn er seinen Tauben kleine Puppenköpfe aufsetzt und sie davonfliegen lässt; nach der Geburt der Ferkel, wenn er einen kleinen Drachen im Wind steigen lässt und mit der Drachenschnur eine symbolische Verbindung zum Himmel sucht; und am Ende des Films, wenn er sich nach dem Verzehr seiner Exkremente an einer Leiter erhängt – der motivische Bezug zur christlichen Jakobsleiter ist offensichtlich – und sein Geist gen Himmel schwebt.

Einen der zentralsten und verblüffendsten Kunstgriffe des Films erzielt Zéno letztendlich jedoch mit der motivischen Verbindung von Heiligenfigur und Autismus. Die Symptomatik, die Zéno anhand seiner Hauptfigur und ihres Verhaltens schildert, ist typisch: das Nicht-Vorhandensein von sprachlichem Ausdruck, das Leben in völliger Abgeschiedenheit von der Gesellschaft, die Gleichgültigkeit gegenüber sozialen und ethischen Konventionen, ritual- und zwanghaftes Sammeln und Ordnen von Gegenständen (hier: von tierischen Überresten in Einmachgläsern), sowie die relative Unempfindlichkeit gegenüber Kälte und widrigen Witterungsbedingungen, wie sie der Protagonist in Zénos Film immer wieder zeigt, zeichnen das eindeutige Bild einer autistischen Persönlichkeit.

In ihrer Arbeit Autismus. Ein kognitionspsychologisches Puzzle verweist die Entwicklungspsychologin und Autismusforscherin Uta Frith auf autistische Menschen im alten Russland, denen aufgrund ihres unangepassten, „wilden“ Verhaltens das Attribut des Heiligen zugewiesen wurde. Betrachtet man Zénos Vase de noces unter diesem Blickwinkel, wird der humanistische Kern des Films schließlich mehr als deutlich: mit der respektvollen Würdigung des „heiligen Autisten“ – dessen moralisch-ethische Freizügigkeit nicht als bloße, schockierende Provokation inszeniert, sondern als Grundlage für eine vielschichtige Reflexion über die vermeintliche Unvereinbarkeit von Heilig- und natürlicher Triebhaftigkeit genutzt wird – schuf Thierry Zéno ein leidenschaftliches Plädoyer für das Profane, Reine und Unberührte, das Amos Vogel in seiner Chronik des subversiven Films Film as a Subversive Art zurecht folgendermaßen charakterisiert:

Dieser bedeutende, tief menschliche Film, der die meisten Zuschauer heftig schockiert, ist eine Anstoß erregende, tragische Aussage von großer poetischer Kraft und Originalität – eine empfindsame Ehrung der Außenseiter, eine Hymne auf das Glück und die Lebensbejahung. Nur wer keine Augen hat zu sehen, wird die tiefe moralische Verpflichtung dieses Werkes nicht erkennen.“

(Abbildungen mit freundlicher Genehmigung von Zéno Films SPRL.)

Veröffentlicht am 26. September 2019, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

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