Archiv für den Monat Februar 2016

blue sunshine (jeff lieberman, USA 1978)

blue-sunshine-movie-poster-1978-1020209285Blue Sunshine funktioniert eigentlich am besten, wenn man sich im Vorfeld so wenig wie möglich über ihn informiert. Ich möchte daher auch einige zentrale Elemente des Plots unerwähnt lassen und nur grob die Grundzüge der Handlung umreißen: Jerry Zipkin (Zalman King) wird auf einer Party Zeuge eines Amoklaufs – sein Freund Frankie, dem alle Haare ausgefallen sind, verliert in einem Anfall irrationaler Aggressivität jegliche Beherrschung und wirft einen weiblichen Partygast in den Kamin. Kurze Zeit später greift er auch Jerry an und nach einer Verfolgungsjagd durch die Nacht endet der unerklärlicherweise dem Wahnsinn Verfallene vor einen vorbeifahrenden Lastwagen. Jerry flieht vom Ort des Geschehens, wird vom misstrauischen Lastwagenfahrer jedoch verletzt. Er lässt sich beim Arzt David Blume, einem alten Bekannten, behandeln – und staunt nicht schlecht, als er entdeckt, dass auch David die Haare ausfallen. Am nächsten Tag liest Jerry zufällig in der Zeitung, dass ein glatzköpfiger Polizist im Wahn seine gesamte Familie abgeschlachtet hat…

Liebermans Film erklärt im weiteren Verlauf einiges (vielleicht sogar etwas zu viel), versteht es aber dennoch auf bemerkenswerte Weise, den Zuschauer zu irritieren und zu verstören. Bis einigermaßen klar wird, was hinter den Amokläufen und Gewaltausbrüchen steckt, vergeht eine gute Dreiviertelstunde und selbst danach bleibt noch vieles im Unklaren. Es ergeben sich Verbindungen zu einem Politiker (Mark Goddard), der sich gerade im Wahlkampf befindet und von dem Jerry in der Wohnung seines Freundes Frankie eine bizarre Fotomontage findet. Sie zeigt den Gouverneurs-Kandidaten als bunt gekleideten, psychedelischen Messias – darunter der Schriftzug: Blue Sunshine.

Die Verstrickung der Politik in mysteriöse Fälle wahnhafter Gewaltausbrüche erinnert an Verschwörungsthriller wie Alan J. Pakulas vier Jahre zuvor entstandenen The Parallax View (1974) – mit Pakulas Film teilt Blue Sunshine auch die zunächst unzusammenhängend anmutende, verwirrende Exposition, die dem Zuschauer ein Gefühl der Desorientierung und des Ausgeliefert-Seins vermittelt, sowie die Konzentration auf „kalte“ Locations wie Hoch- und Krankenhäuser, Einkaufszentren und sonstige Orte moderner Stadtarchitektur. Das Finale ereignet sich wie bei Pakula im Rahmen einer Wahlkampfveranstaltung und statt der echten Verantwortlichen wird am Ende nur der ebenfalls von Wahn und Haarausfall geplagte Bodyguard des Politikers aus dem Verkehr gezogen – die Hintermänner, so scheint es, werden weiter im Dunkeln bleiben. Das während der Wahlveranstaltung spielende Marionettentheater wird so zum treffenden Sinnbild einer manipulierten, in Unwissenheit gehaltenen Gesellschaft.

Wie bereits geschrieben, hätte Blue Sunshine möglicherweise noch größere Wirkung entfaltet, hätte er gegen Ende weniger erklärt und vor allem die medizinischen Gründe für die Amokläufe nicht eindeutig offengelegt. Dennoch, eine echte Aufklärung der Hintergründe gibt es nicht, das Bild des Politikers bleibt schemenhaft und unvollständig, zentrale Fragen stehen weiterhin unbeantwortet im Raum. Was bleibt, ist das nagende, brodelnde Gefühl der Verunsicherung – einer Verunsicherung über die Verfassung der Gesellschaft, die ganz plötzlich, aus heiterem Himmel von dunklen Kräften zerrissen werden kann. Großartig ist in diesem Zusammenhang die episodisch gestaltete, vom psychedelisch-avantgardistischen Score höchst wirkungsvoll vertonte Eröffnungssequenz, die den von Kopfschmerzen geplagten Arzt, eine gestresste Nanny mit Haarausfall und einen psychotisch dreinblickenden Ehemann zeigt, der kurz darauf seine Familie umbringen wird. Zwischen diesen kurzen Episoden schwenkt die Kamera in einer geschickten Überblendung immer wieder hinauf zum blassen Vollmond, der nicht nur die glatzköpfigen Wahnsinnigen bildlich vorweg nimmt, sondern auch zur stummen, mysteriösen Instanz wird, die alles zu steuern scheint – und am Ende des Films immer noch so rätselhaft am Nachthimmel steht wie zu Beginn.

Erfreulicherweise wurde Blue Sunshine vor kurzem vom wiederentdeckten Originalnegativ abgetastet. In den USA gab es bereits Kinovorführungen eines neuen 4K-Masters, eine Bluray ist ebenso in Planung. Bleibt abzuwarten, ob irgendwann auch eine europäische HD-Veröffentlichung folgt, die die wenig überzeugende deutsche DVD von cmv-Laservision ablöst.

 

Fassungs-Info:

– deutsche DVD-Veröffentlichung von cmv-Laservision (2005)

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die teuflischen von mykonos (nico mastorakis, GR 1975)

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Anlässlich der wunderbaren Bluray-Veröffentlichung* von Nico Mastorakis‘ griechischem Exploitation-Klassiker Ta paidia tou diavolou (aka Die Teuflischen von Mykonos) durch OFDb-Filmworks möchte ich zu einem kurzen Loblied auf diesen fulminanten Vertreter filmischer Zügellosigkeit ansetzen.

Zunächst einige Worte zur Handlung: der kurz nach dem Zusammenbruch der griechischen Militärdiktatur 1974 entstandene Film begleitet die beiden Protagonisten Christopher und Jane, ein junges Geschwisterpaar aus England, bei ihrem Urlaub auf der griechischen Insel Mykonos. Christopher, ein vorgeblich religiös motivierter Fundamentalist, hat es sich dabei zum Ziel gesetzt, die Insel von Perversion und Devianz zu befreien und so mordet er sich unter Zuhilfenahme von Säbeln, Sicheln und diversen motorisierten Vehikeln (Flugzeug, Planierraupe) durch die Freigeister der Insel: Künstler, Homosexuelle, Unangepasste. Seine Schwester Jane, mit der er eine inzestuöse Beziehung führt, mischt munter mit, doch am Ende kommen Zweifel in ihr auf. Ein primitiver Schafhirte, bei dem die beiden auf ihrer Flucht vor der Polizei unterkommen, verbündet sich mit Jane, vergewaltigt Christopher und lässt ihn in einer Kalkgrube verenden.

Bekannt sind die Äußerungen des Regisseurs, er habe mit Die Teuflischen von Mykonos einfach nur ein einträgliches Geschäft machen wollen – ein kassenträchtiger Exploitation-Reißer als Finanzierungshilfe für kommende Projekte, inspiriert vom Erfolg amerikanischer Vorbilder wie The Last House on the Left (Wes Craven, 1972) oder The Texas Chainsaw Massacre (Tobe Hooper, 1974). Vielen Kritikern und Filmwissenschaftlern reichte diese Erklärung nicht aus, und so wird Mastorakis‘ Film bis heute vor allem auch als Allegorie auf die faschistischen Säuberungen während der griechischen Junta gelesen. Eine auf den ersten Blick naheliegende Interpretation, vor allem wenn man sich die faschistische Motivation des Protagonisten, alles Unkonventionelle und damit „Perverse“ auszurotten, vor Augen führt.

Dennoch möchte ich mich dieser Lesart nicht anschließen. Auf mich machte Die Teuflischen von Mykonos nur selten den Eindruck einer kritischen Gewaltstudie, sondern versprühte vor allem eines: Ausgelassenheit. Die überschwängliche Lust am Tabubruch, aber auch das sonnige Urlaubssetting oder der Einsatz schwerer, ungewöhnlicher Maschinen zeugen von purer, ungehemmter Freude an einem „Kino der Attraktionen“ – und erinnerten mich oft an eine kostengünstige Variante der exotisch-spektakulären Setpieces aus den James-Bond- oder Indiana-Jones-Filmen. In einer der erinnerungswürdigsten Szenen des Films knöpfen die beiden Protagonisten einen Polizeibeamten am Flügel eines Kleinflugzeugs auf und werfen ihn im Flug über der Insel ab. Mit kindlicher Freude entledigen sich Christopher und Jane hier der Autorität, werfen den moralischen und zivilisatorischen Zwang über Bord – alles scheint erlaubt, anything goes: die Urlaubssituation der Hauptfiguren wird letztlich zum „Urlaub“ der Filmemacher, zur Auszeit von der herrschenden Ordnung. Der zur Schau gestellte Amoralismus ist dann auch nur die radikalste Form wiedergewonnener filmischer Freiheit – ein künstlerisches Pamphlet sozusagen, und ein Befreiungsschlag für das griechische Kino nach der Diktatur; einer Diktatur, die sich in ihren Grundfesten, wie so oft, auf konservative, ganz und gar anti-anarchistische Moralvorstellungen bezog. Letztendlich glaube ich nicht, dass Mastorakis seinen Figuren mit irgendwelcher Abscheu begegnet: im artifiziellen Kosmos des Films sorgen sie nämlich für größte Spielfreude, für radikalen Frohsinn abseits strenger Staatsdoktrin – und werden folgerichtig von der Inselpolizei als gesellschaftlich destabilisierende Elemente gejagt.

Am Ende scheint Mastorakis‘ Film dann noch einmal umzuschwenken: Jane zweifelt und gibt sich dem Unschuld symbolisierenden Schafhirten hin. Doch auch der hat mit Moral letztlich wenig am Hut und räumt kurzerhand seinen sexuellen Konkurrenten aus dem Weg. Alles beim Alten also – der anarchistische Spieltrieb, das Primat der Boshaftigkeit hat erneut gesiegt. Aber bei den Teuflischen von Mykonos geht das in Ordnung: es ist ja schließlich Urlaub.

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*Das in zwei Cover-Varianten angebotene Mediabook von OFDb Filmworks macht einiges her und ist bis an den Rand gefüllt mit interessantem Bonusmaterial. Hier gilt es in jedem Fall zuzugreifen und sich zu Christopher und Jane an die sonnigen Küsten von Mykonos zu gesellen – prächtiger erstrahlt das mediterrane Massaker wohl nur im originalen 35mm.